RÜCKBLICK | Das Mädchen kann nicht anders: Andrea Arnolds 'Aquarium'

Auch nach dem Aufkommen der Psychologie, des Feminismus und der sexuellen Revolution bleibt das weibliche Verlangen kulturell unangenehm, ein Thema, das vermieden oder absichtlich mystifiziert werden muss. Außerhalb des hyperhormonalen Slapsticks ist das Verlangen nach Jugendlichen ebenso tabu. Darüber hinaus ist der weibliche Jugendwunsch so sozial unappetitlich, dass selbst das zweifelhaft keusche „Twilight“ als willkommenes Korrekturmittel gilt. Treten Sie in Andrea Arnolds 'Fish Tank' ein, einem Film, der so furchtlos, ehrlich und weise über aufkommende weibliche Sexualität ist, dass keine Bewertungskurve erforderlich ist. Sie betrachtet Sex nicht als einen Aspekt der Politik, sondern als einen Aspekt der Erfahrung, der sich mit den anderen Impulsen, Verwirrungen, Gefahren und Freuden des Lebens fortsetzt.

Arnolds brennbarer erster Spielfilm, 'Red Road', verband den Realismus britischer Küchenspülen mit launischem Expressionismus, eine Ehe, die sie mit 'Fish Tank' überarbeitet und intensiviert. Ihre beiden Filme sind ebenso unsentimental wie sensibel und auf die chaotischen Modalitäten von abgestimmt Verhaltensweisen, die sich selbst in Höhen von Angst und Herzschmerz mit Würde ansammeln. Die Betontristesse des urbanen Lebens wird mit Farbe und Anmut beklagt und eingeengt, der kleinsten und trostlosesten Ecke, die noch Flucht und erdgebundenes Vergnügen bietet. Ihre Charaktere mögen ihren Platz in der Welt nicht überschreiten, aber zumindest dürfen sie ihn uneingeschränkt bewohnen.

In „Fish Tank“ kümmert sich eine 15-jährige namens Mia (Katie Jarvis, eine vollständige und faszinierende Präsenz) um einen englischen Wohnkomplex, der von Frustration und Wut angetrieben wird. Während einer Eröffnungssequenz in Odysseus tanzt sie alleine, bellt in ein Handy, wirft Steine ​​gegen ein Fenster, stößt ein Mädchen mit dem Kopf an und tauscht mit ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester F-Bomben und Türschläge. Die Sequenz scheint ein wenig zu effizient zu sein, bringt den Betrachter jedoch effektiv in die Welt von Mia - und vor allem in ihre Sichtweise. Von nun an folgt die Kamera Mia nicht mehr nur, sie kümmert sich um sie, umkreist sie und wird sie. Es registriert und drückt ihre schwankenden Stimmungen aus. Egal, ob sie Tanzbewegungen einstudiert, durch Kettenglieder guckt oder auf dem Rücksitz eines Autos sackt, die Kamera passt ihre Sichtlinien an, um aktiv und subjektiv zu schauen. Als eines Morgens die letzte Eroberung ihrer unanständigen, beschwipsten alleinerziehenden Mutter in ihrer Küche auftaucht, blickt ihn die Kamera verstohlen und schamlos an. Connor (Michael Fassbender, hier Sex am Stiel) bemerkt sie ebenfalls und hilft dabei, die Luft mit vagen Eingebungen aufzuladen, aber die Kamera korrigiert nicht ihren Zustand des relativen Ausziehens (T-Shirt und Höschen), sondern seinen langen, muskulösen Torso und Arsch wölbt sich aus tief sitzenden Jeans. Es ist Mias eureka Moment explodierender Begierden, so spektakulär und beunruhigend, wie man es sich nur wünschen kann. Sie sagt ihm, er solle abhauen, was natürlich bedeutet, dass sie süchtig ist.



Es wäre jedoch unfair, Mia und Connors Beziehung als nur sexuell zu bezeichnen, da sie auch platonische und familiäre Farbtöne aufweist. Soweit wir das beurteilen können, ist Connor die erste Person, die mit Mia spricht, als wäre sie erwachsen. Connor ehrt sie mit zivilen Gesprächen, echtem Interesse und aufrichtigen Komplimenten. Sie kommt, um sich so zu sehen, wie er sie sieht: als Frau. Oben im Exil, während Mama (Kierston Wareing, strahlend brachial, aber von einem One-Note-Charakter eingeschränkt) eine Party veranstaltet, schläft Mia im Zimmer ihrer Mutter ein, erwacht aber, als Connor sie ins Bett trägt. Sie tut so, als würde sie schlummern, und schaut zu, wie er ihre Schuhe und Hosen auszieht. Dabei entdeckt sie ihren eigenen Körper, während er dasselbe tut. Mit dem Verlangen geht natürlich auch die Macht einher, und diese zuvor unsichtbare, umkämpfte Unbekümmertheit muss man besitzen. Seine Macht ist genauso groß (und rechtlich viel größer), aber Arnold bleibt Mia nahe, kümmert sich um ihre Entscheidungen und ehrt die Erotik ihres Selbstbesitzes. Zu der schmerzhaften Anstrengung von Bobby Womack tanzt sie ins Unbekannte, begierig auf die Möglichkeiten, aber ohne die Konsequenzen zu kennen.

Einige Noten im letzten Akt des Films scheinen ein bisschen abwegig zu sein - wie eine erweiterte Wendung in Thriller-Territorium, ein verspätetes und buchstäblich choreografiertes Gebot für familiäre Tiefe und ein unpersönlich-elegisches Finale - aber nur, weil Arnold es schafft, Mias Perspektive zu etablieren und zu überzeugen dass jede Art von Distanz sich wie Verrat anfühlt. Was in jedem anderen Film ein Highlight sein könnte - eine Entführungstangente sorgt für einige Minuten atemlose Spannung - verblasst im Vergleich zum Rest der ungezwungenen Intimität des Films. Aber auch diese Fehltritte folgen einer bestimmten Logik, denn Mia geht zu weit, und Arnolds Filmemachen macht Mia absichtlich uns fremd, so wie sie sich selbst fremd wird. Sie war nicht bereit für die Kosten, eine Frau zu sein - für den Herzschmerz, die Ressentiments, die Feigheit der Männer. Aber plötzlich gibt es ein Morgen, ein Leben jenseits der Gemeindewohnung und sogar jenseits von Connor. Und morgen wird sie fertig sein.

[Eric Hynes ist ein Reverse Shot-Autor und Moderator der Videoserie Reverse Shot Talkies. Er hat unter anderem für Slate und Stop Smiling geschrieben.]

[Ein IndieWIRE-Review von Reverse Shot.]

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